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Ein sehr guter Text Wissenschaftliche Arbeiten

Die Fragestellung deiner Bachelorarbeit finden

Eine Bachelorarbeit lebt von ihrer Fragestellung. Doch wie findet man eine passende? Und worauf muss man achten?

Ohne Fragestellung ist deine Bachelorarbeit keine wissenschaftliche Arbeit. Denn irgendetwas muss eine solche Arbeit herausfinden wollen. Doch wie findet man eine geeignete Fragestellung, die 30-60 Seiten einer Bachelorarbeit zu füllen vermag? In diesem Artikel fangen wir daher ganz vorne an, ehe wir anhand von Beispielen gute von schlechten Forschungsfragen unterscheiden.

1. Anhand des Thema eines Fragestellung erarbeiten

Nachdem du dein Thema gefunden hast (etwa: Sondervermögen, sozialer Wohnungsbau oder Utilitarismus), musst du zum Problemsucher werden. Dafür musst du deine Nase tief in bestehende Literatur zu deinem Thema graben, Podcasts hören oder Zeitungsartikel lesen. Irgendwo in diesem riesigen Kosmos an Informationen, der dich in dieser Zeit umgeben wird, werden Probleme auftauchen. Etwa die Diskussion um die fragliche Finanzierung eines Sondervermögens. Oder der Bericht eines Bürgermeisters über fehlende Bauflächen für Sozialwohnungen. In diesen Problemlagen liegt die Fragestellung deiner Bachelorarbeit verborgen.

Also musst du die gefundenen Probleme abklopfen: Gibt es darin kleinere Probleme, auf die ein Wissenschaftler Antworten finden könnte? Und wenn ja, könntest du dieser Wissenschaftler sein?

Wenn Bürgermeister Schwierigkeiten haben, geeignete Bauflächen zu finden, gibt es vielleicht Alternativen zum Neubau von Sozialwohnungen? Kannst du diese ermitteln? Wenn ja, wie? Durch Literaturrecherche? Mittels Experteninterviews? Hier genügt eine grobe Idee: Bachelorarbeiten dürfen daran scheitern, abschließende Antworten auf ihre Forschungsfrage zu finden. Aber sie müssen eine Fragestellung und eine Methode zu deren Beantwortung enthalten, die im Hauptteil angewandt wird.

Vielleicht kannst du also am Beispiel des erfolgreichen Sozialwohnungsbaus der Stadt Wien Alternativen ermitteln und deren Übertragbarkeit prüfen. Dass die Stadt Wien eine hohe Sozialwohnungsquote hat, hast du in einem Podcast gehört. Die Fragestellung deiner Bachelorarbeit könnte also lauten:

Lassen sich die Methoden des Wiener Sozialwohungsbaus auf deutsche Großstädte übertragen?

fiktives Beispiel

Eine genauere Anleitung, wie du von einem Thema über ein Problem zu einer Frage und zu einem roten Faden gelangst, findest du in diesem Artikel: Der perfekte Aufbau deiner Bachelorarbeit.

2. Trägt deine Fragestellung eine Bachelorarbeit?

Hast du eine Forschungsfrage entwickelt, musst du diese einer Überprüfung unterziehen. Denn nicht jede legitime Frage lässt sich auf 30-60 Seiten Bachelorarbeit beantworten. Manche sind schlicht zu klein, andere viel zu groß und breit. Ein Beispiel:

Warum sind Zebras gestreift?

fiktives Beispiel einer unterdimensionierten Fragestellung

Selbst wenn du lang und breit über die verwirrende Wirkung der Streifen auf Fressfeinde referierst, wird diese Fragestellung nicht mehr als 10 Seiten tragen.

Doch auch umgekehrt lauern Fallstricke:

Der Löwe als Motiv in Bühnenstücken von der Antike bis zur Gegenwart: Mehr als nur ein Raubtier?

fiktives Beispiel einer überdimensionierten Fragestellung

Diese Fragestellung würde jede Bachelorarbeit sprengen, weil sie gleich mehrere Probleme aufweist.

  1. Sie ist historisch überambitioniert. Ein Thema von der Antike bis zur Gegenwart ist in den meisten Fällen keine gute Idee. Das sind 2500 Jahre Menschheitsgeschichte.
  2. Ihr Gegenstand ist nicht klar definiert. „Bühnenstücke“ können alles mögliche sein: Dramen, Komödien, Poetry Slams etc. Wo sollte man da anfangen oder aufhören?
  3. Die Frage selbst ist zu vage. Ob der Löwe mehr als nur ein Raubtier ist, ist sicher interessant, aber eigentlich auch logisch: immerhin geht es um Kunst, da ist nichts einfach nur das, was es ist. Was genau soll also untersucht werden?

3. Schließt die Fragestellung deiner Bachelorarbeit eine Forschungslücke?

Okay, sind wir ehrlich: Niemand wird deine Bachelorarbeit lesen. Deshalb ist es auch nicht wirklich wichtig, ob sie eine Forschungslücke schließt oder nicht. Denn selbst wenn, ist es sehr unwahrscheinlich, dass du damit tatsächlich zum Fortgang der Wissenschaft beiträgst. Dennoch gilt: Eine bereits x-fach beantwortete Fragestellung solltest du in deiner Bachelorarbeit nicht beantworten.

Ein Beispiel für eine solche Frage wäre etwa:

Wie trägt CO2 zum Klimawandel bei?

fiktives Beispiel

Oder:

Welche strategischen Entscheidungen waren maßgeblich für das Scheitern des Russlandfeldzuges der Wehrmacht 1941/42 verantwortlich?

fiktives Beispiel

Das Problem dieser Forschungsfragen ist, dass du zu ihrer Beantwortung mehr oder weniger aus der Literatur abschreiben kannst. Es existiert jeweils ein breiter Konsens, der zigfach irgendwo niedergeschrieben und begründet wurde. Deine Eigenleistung wird durch so eine Fragestellung also bereits im Vorfeld minimiert. Und ohne Eigenleistung keine sehr gute Benotung.

Daher ist es besser, eine spezifischere Fragestellung innerhalb deines Themas bzw. deiner Problemlage zu identifizieren. Wenn es dir das CO2 und der Klimawandel angetan haben, kannst du dir ein kleineres Problem (oder eine Lösung) heraussuchen, das damit in Verbindung steht:

Wie lässt sich CO2 im Erdreich speichern und ist diese Technologie zukunftsfähig?

fiktives Beispiel

Sicher hat jemand auch hierzu schon Antworten veröffentlicht. Aber die Frage ist relativ neu und die Technologie befindet sich in Entwicklung. Die Chancen stehen gut, dass du durch das Zusammentragen von Informationen aus der Literatur und die Verknüpfung von der Frage nach dem Wie mit der Frage nach Zukunftsfähigkeit eine Eigenleistung erbringen kannst. Und nicht aufs simple Abschreiben zurückgeworfen wirst.

Es gilt also: Entspann dich. Deine Bachelorarbeit muss nicht die Wissenschaft revolutionieren. Aber es macht mehr Spaß, wenn die Forschungsfrage nicht x-mal durchgekaut wurde. Und es gibt tendenziell bessere Noten.

Sieh es so: Im Bachelorstudium sollst du das Handwerkszeug für eigenständige Forschung erlernen. Die Bachelorarbeit ist eine umfangreiche Übung dafür – nicht mehr und nicht weniger.

4. Abschließende Tipps

  • Da du für deine Bachelorarbeit in der Regel 6 Credit Points erhältst und jeder Credit Point 25 bis 30 Stunden Arbeitsaufwand entspricht, wirst du mit deiner Bachelorarbeit bis zu 180 Stunden beschäftigt sein. Das sind fast fünf volle Arbeitswochen. Du brauchst also Sitzfleisch und einen langen Atem. Deshalb gilt unbedingt: Entwickle die Fragestellung deiner Bachelorarbeit möglichst eigenhändig und unabhängig, damit sie deinen Interessen entspricht. Lass dir also nicht von Professor, Betreuer, Mama oder deinem Freund reinreden, was du nicht allles tolles erforschen könntest. Wenn die Fragestellung von dir selbst kommt, wirst du zwar ab und zu trotzdem verzweifeln. Aber du wirst dir auch immer wieder denken: Okay, aber ich will das eben wirklich wissen!
  • Turne mit Netz und doppeltem Boden. Es kommt vor, dass sich die Fragestellung im Laufe der ersten Kapitel noch einmal verändert bzw. du sie gerne noch anpassen würdest. Deshalb sollte, wenn möglich (abhängig vom Betreuer), der Titel deiner Bachelorarbeit nicht mit deiner Fragestellung identisch sein. Denn der Titel ist, einmal angemeldet, unveränderlich. Wenn du also der Frage nachgehen willst, wie sich CO2 im Erdreich speichern lässt und ob diese Technologie zukunftsfähig ist, dann nenne deine Bachelorarbeit: Erdreichgebundene Speicherung von CO2 als Klimabekämpfungsmaßnahme heute und in Zukunft. So bleibt dir ein gewisser Raum für Anpassungen erhalten.

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