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Ein sehr guter Text

Kurzgeschichte 101: Ideenfindung

Jede gute Kurzgeschichte basiert auf einer Idee. Anton Tschechow liefert ein Beispiel für die Struktur einer solchen Idee.

Jede gute Kurzgeschichte basiert auf einer Idee. Diese Idee kann vielerlei Formen annehmen, so wie eine Kurzgeschichte von einer Emotion, einer Frage, einer vermeintlichen Antwort, einem Ort oder einer Figur handeln kann – und von vielem mehr. Allerdings hilft das dem angehenden Autor nicht weiter. Wie kommt man auf eine solche Idee? Gibt es Strukturen, anhand derer sich das Wesen einer solchen Idee verstehen und in der Folge leichter reproduzieren lässt? Anton Tschechow liefert mit seiner Kurzgeschichte „Wanka“ ein glänzendes Beispiel für eine solche Struktur [Spoilerwarnung].

In dieser Kurzgeschichte schreibt der 9-jährige Waise Wanka heimlich einen Brief an seinen Großvater. Darin bittet er ihn, sich bei ihm aufzunehmen, da ihn sein Lehrmeister schlecht behandelt und er der Hölle, in der er lebt, entkommen möchte. Dann steckt er den Brief in den Umschlag und beschriftet ihn: „An Großväterchen“.

Dem Leser wird nach der Schilderung von Wankas Leiden und mit aufkommendem Mitgefühl also plötzlich klar: der Brief wird den Großvater nie erreichen. Ein Schlag in die Magengrube. Vorhang. Tusch. Ende der Kurzgeschichte.

Um das Großartige an Tschechows Geschichte zu beschreiben, ist es nicht nötig, auf seine Sprache oder seine Figur einzugehen. Das könnte man freilich tun, aber bereits die Struktur allein genügt. Die Umsetzung in einen Text mit Sprache und Figur folgt erst an zweiter Stelle. Am Anfang (und am Ende) steht die Idee.

Struktur & Motive = Idee

Dabei lohnt ein genauerer Blick. Losgelöst von jeglichem Inhalt, passiert Folgendes: Eine Erwartung wird aufgebaut, Hoffnung, Mitgefühl – ehe alles jäh vernichtet wird. Das klingt banal und geradezu unterkomplex. Das ist es auch. Humor funktioniert oft ähnlich: Erwartung aufbauen, Erwartung überraschend enttäuschen. Diese Struktur mit Leben zu füllen, das heißt mit Motiven und Zusammenhängen, ist das eigentliche Kunststück. Nur weil du verstanden hast, wie Humor funktioniert, fallen dir noch keine guten Witze ein. Was ist also Tschechows Idee gewesen?

Ein Kind schreibt verzweifelt einen Brief. Der Adressat ist seine einzige Hoffnung. Dann wird deutlich, dass das Kind zwar viel weiß über den Schmerz und die Hoffnung, aber nichts über die Mechaniken des Briefeschreibens: die Adressierung des Briefes erfolgt in kindlicher Naivität. Was jede Hoffnung zerstört. Das ist das Gerippe der Geschichte. Die ihr zugrundeliegende Idee.

Nun kann eine solche Idee im Vorfeld feststehen oder erst beim Schreiben selbst entstehen. Ohne eine solche Idee (die, ich werde nicht müde, es zu betonen, unendliche Formen und Strukturen annehmen kann) wird deine Kurzgeschichte aber oft ins Leere laufen. Kein Vorhang. Kein Tusch. Kein Ende.

Wenn du selbst überlegst, eine Kurzgeschichte zu schreiben, versuche beim nächsten Mal, dich auf eine Struktur festzulegen (X aufbauen, damit Z machen; X zerstören, dabei Z aufbauen, usw.) und diese dann mit passenden Motiven zu füllen, die den Leser überraschen können (Hans baut jahrelang eine Brücke über den Fluss, nur um dann festzustellen, dass er den Schwarzen Reitern damit den Zugriff auf sein Dorf ermöglicht hat). Auf diese Weise wird es dir gelingen, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen und nicht nur ein einzelnes Gefühl zu präsentieren oder eine Handlung und deren Vorbereitung.

Hilfreich dabei kann der erste Plot Point deiner Geschichte sein.