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Ein sehr guter Text Prosa

4 Übungen für kreatives Schreiben

Kreatives Schreiben bedarf der Übung – Meister fallen nicht vom Himmel. Daher findest du in diesem Artikel vier Schreibübungen, die deiner Kreativität langfristig auf die Sprünge helfen.

Am wichtigsten ist dabei: Lass dir Zeit und setz dich nicht unter Druck. Du musst nicht morgen zum Bestsellerautor werden, der in Parataxen und Ellipsen die ganz großen Sterne vom Himmel schreibt. Was? Eben.

Deshalb sind auch die hier versammelten Übungen für kreatives Schreiben keine grammatischen Exkurse, sondern orientieren sich an der Praxis. Diese Praxis des kreativen Schreibens beginnt meist mit einer Idee.

1. Schreibübung für kreative Ideen

Denn ohne Idee ist alles Schreiben ziellos. Je nach Genre gibt es verschiedene Regeln und Ansätze, um passende Ideen zu formulieren. Etwa bei den Ideen für eine Kurzgeschichte. Doch um irgendwann mühelos kreative Ideen zu generieren und im Alltag zu erkennen, musst du zuerst üben – also schreiben. Was wie ein Teufelskreis klingt, lässt sich durch die folgende Übung leicht erlernen.

Die Seele einer Idee (oder vielleicht des Schreibens an sich) ist immer die Reibung mit dem Common Sense. Also mit dem, was im Alltag für selbstverständlich gehalten wird oder für wahr. Denken wir an Es von Stephen King: Normalerweise sind Clowns nette Gestalten, die Kinder belustigen. In Kings gleichnamigem Roman frisst ein Clown die Kinder. Das lässt sich noch weiterspinnen. Normalerweise stellen wir uns als Kinder unseren Ängsten nicht. Doch in der Kleinstadt Derry, in der der Clown sein Unwesen treibt, hat genau diese Weigerung zu Erwachsenen geführt, die ihre Ängste unbewusst und ungefiltert an ihre Kinder weitergeben und dem Clown damit in die Arme treiben. Soll dies ein Ende haben, müssen die Kinder lernen, sich ihren Ängsten zu stellen.

Wie also kannst du üben, Ideen für dein kreatives Schreiben zu erkennen? Indem du eine Alltagssituation, eine Alltagswahrheit oder etwas sehr Herkömmliches in einem Satz auf ein Blatt Papier schreibst. So zum Beispiel:

Alle Schwäne sind weiß.

Dann hast du den Rest des Blattes Platz und Zeit und die heilige Pflicht, diesen Satz in sein absolutes und höchst absurdes Gegenteil zu verkehren.

„Alle Schwäne sind weiß.“

Wenn alle Schwäne weiß waren, dann musste ich geträumt haben. Ich war mir sicher, letzte Nacht einen goldenen gesehen zu haben, einen goldenen Schwan mit schwarzem Schnabel, und er schnatterte. „Gibt es nicht auch goldene?“, fragte ich. Ihre mich belächelnden Mundwinkel hatten überhaupt nichts goldenes. „Hat dir deine Mutter wieder Rotwein ins Fläschchen getan?“ Rotwein, Fläschchen – wer wusste das schon mit Sicherheit. Sicher war nur, dass sie log. In meiner Fantasie gab es alles. Sogar Privatlehrerinnen ohne Rabengesicht.

fiktives Beispiel

Spontan, ohne es zu beabsichtigen, habe ich innerhalb von 3 Minuten ein ganzes Panorama aufgetan, nur um die ursprüngliche Aussage zu widerlegen. Einen Protagonisten, eine Antagonistin, deren jeweilige Charakterisierung und ihre Beziehung zueinander. Auch ein Konflikt klingt schon an: Der Protagonist hat eine blühende Fantasie, die im seine Lehrerin austreiben will.

2. Übung für kreative Beschreibungen

Die beste Charakterisierung und der schönste Konflikt verfangen nicht, wenn Jedermannsbeschreibungen alles Individuelle aus deinem Manuskript tilgen. Ein Beispiel:

Die Sonne brannte. Er war schweißnass. Er sehnte sich nach einer kalten Dusche, nach einem Sprung ins kühle Nass. Vergeblich.

fiktives Beispiel

In dieser kurzen Schilderung tummeln sich Jedermannsbeschreibungen und geflügelte Wörter: die Sonne brennt, er ist schweißnass, das kühle Nass. Ich nenne das lazy writing, weil der Autor nicht die eigene Kreativität bemüht, sondern quasi abschreibt. Bei Redensarten, tausendfach gehörten Formulierungen usw. Ein guter Autor wird das vermeiden:

Die Sonne schien ihn auszulachen. Seine Augenbrauen hatten Mühe, die Schweißperlen aufzuhalten, die seine hohe Stirn hinunterrasselten. Für eine kalte Dusche hätte er alles getan, sogar mit dem Bates Motel vorlieb genommen.

fiktives Beispiel

Man kann es auch übertreiben (im Beispiel ist es an der Grenze), aber dennoch: Die zweite Version erweckt eine Figur zum Leben, der Leser gewinnt eine Vorstellung des Protagonisten. Deshalb sind eigenwillige, individuelle Beschreibungen und Schilderungen so wichtig.

Doch auch das muss man üben. Das geht so:

Schreibe einen Satz auf ein Blatt Papier, der zwei gewöhnliche, altbekannte Beschreibungen enthält. Dann formuliere ihn so um, dass er nichts mehr mit der ursprünglichen Version gemein hat. Stattdessen sollten die beiden Kernaussagen erhalten bleiben, aber auf absurde Weise umschrieben werden:

Der See lag still vor ihm, von Fischen keine Spur.

fiktives Beispiel

Gemäß der Aufgabe wird daraus:

Der See lag so ruhig, dass er begann, die Rotation der Erde anzuzweifeln – dass das Leben aus dem Wasser gekommen war, schien ihm ebenfalls eine Lüge, vernahm er doch nicht einmal die Verwirbelungen eines emsigen Einzellers.

fiktives Beispiel

3. Übung, um kreative Plots zu schreiben

Grundlegende Ideen und schillernde Beschreibungen allein machen noch keine Geschichte. Dazu braucht es Plot. Ein Plot besteht grob betrachtet aus einem Protagonisten (P), einem auslösenden Ereignis (X), einem Ziel (Z), einem Hindernis (Y) und einem Mittel zur Erreichung des Ziels (M).

Ganz schön viel Konstrukteurs-Arbeit. Etwa, wenn du mit der ersten Schreibübung tatsächlich eine Idee gefunden hast, die du zu einer Geschichte ausbauen willst. Auch das will gelernt sein. Folgende Übung hilft dir dabei:

Schreibe eine profane Aufgabe in der Ich-Form auf ein Blatt Papier. Dann zerpflücke sie, indem du sie mit den genannten Plot-Elementen anreicherst. Ein Beispiel:

Ich muss Druckertoner besorgen.

fiktives Beispiel

Ich, notorisch klamm (P), muss Drucktertoner besorgen (Z), als er mir beim Drucken meiner Bewerbung ausgeht (X). Also lenke ich meinen Nachbar (Y) ab, und versuche, den Toner aus seinem Drucker zu klauen (M).

fiktives Beispiel

So machst du dich mit den grundsätzlichen Anforderungen des Plottings vertraut. Nach ein paar Durchgängen kannst du die Schwierigkeit erhöhen. Anstatt einer profanen Alltagsaufgabe, notierst du eine absurde, ungewöhnliche Aufgabe:

Ich muss noch den Porno in die Videothek zurückbringen.

fiktives Beispiel

Ich, sexuell verklemmt (P), muss den Porno ungesehen in die Videothek zurückbringen (Z), da die Ausleihfrist heute abend abläuft (X). Dafür will ich mich durch den Kurpark schleichen (M), doch es ist Dorffest und Alina hat ein Auge auf mich geworfen (Y).

fiktives Beispiel

Indem du die Aufgabe abwandelst, zwingst du dich gleichzeitig, interessantere Plots zu entwerfen. Falls du dich intensiver mit Plottheorie beschäftigen willst, lohnt sich ein Blick auf meinen Artikel über die sogenannte Log Line, die all die hier genannten Elemente enthalten muss und ohne die keine Geschichte funktioniert.

4. Schreibübung für interessante Figuren

Gut: Wir haben einen Plot, individuelle Beschreibungen und eine grundsätzliche Idee. Was fehlt? Richtig, interessante Figuren.

Wie werden Figuren interessant? Durch Besonderheiten, Schwächen, Stärken, alte Verletzungen und Lektionen, die sie zu lernen haben, wenn sie an ihr Ziel kommen wollen.

Eine Figur zu entwerfen, ist daher eine Mammutaufgabe. Um nicht von ihr überwältigt zu werden, kannst du das im Kleinen üben.

Notiere den Namen des für dich langweiligsten realen Prominenten auf ein Blatt Papier, samt seines Berufs. Dann beginne, ihn interessant zu machen, in dem du ihm ein Ziel, eine Schwäche, eine Stärke, eine alte Verletzung und eine zu lernende Lektion unterjubelst.

K. Franzmeier* ist Politiker.

*Name von der Redaktion geändert

K. Franzmeier ist ein Politiker, der sich gekonnt für die Einführung einer Klößchensteuer einsetzt, obwohl er selbst an einer ungesunden Schwäche für Klößchen leidet. Diese Schwäche geht darauf zurück, dass er für gute Noten früher keine Zuneigung bekam, sondern eine Belohnung in Form von Klößchen. Doch um den Chef-Lobbyist der Klößchenvereinigung auszustechen, der ihn mit lebenslangen Klößchenvorräten becirct, muss er lernen, dass es andere Wege der Belohnung gibt: die Zuneigung der vor zu viel Klößchenkonsum bewahrten Bürger.

fiktives Beispiel

Zugegeben, das Beispiel ist absurd. Aber es zeigt die Dynamik, die man einem Charakter andichten muss, um ihn interessant zu machen. Gleichzeitig entsteht schon eine Art Plot, denn so sollte es sein: Deine Figuren bzw. dein Protagonist und dein Antagonist ergeben den Plot deiner Geschichte.

5. Zusammenfassung

Mit diesen vier einfachen Übungen für kreatives Schreiben kannst du dich für größere Aufgaben rüsten. Bei allen Übungen geht es darum, Profanes, Alltägliches in etwas Interessantes zu verwandeln. Denn genau das ist das Wesen der Kreativität und des Storytellings: Die Realität so abwandeln, dass sie interessant wird.

Anbei noch einmal die einzelnen Übungen:

  1. Ideenfindung: Schreibe eine Alltagssituation, eine Alltagswahrheit oder etwas sehr Herkömmliches in einem Satz auf ein Blatt Papier. Dann nutze den restlichen Platz, um diesen Satz in sein absolutes und höchst absurdes Gegenteil zu verkehren.
  2. Kreative Beschreibungen: Schreibe einen Satz auf ein Blatt Papier, der zwei gewöhnliche, altbekannte Beschreibungen enthält. Dann formuliere ihn so um, dass er nichts mehr mit der ursprünglichen Version gemein hat, sondern absurde, eigenwillige Beschreibungen der Kernaussagen enthält.
  3. Plot: Schreibe eine profane Aufgabe in der Ich-Form auf ein Blatt Papier. Dann zerpflücke sie, indem du sie mit den Plot-Elementen anreicherst: Protagonist, auslösendes Ereignis, Ziel, Mittel, Hindernis.
  4. Figuren: Notiere den Namen des für dich langweiligsten realen Prominenten auf ein Blatt Papier, samt seines Berufs. Dann beginne, ihn interessant zu machen, in dem du ihm ein Ziel, eine Schwäche, eine Stärke, eine alte Verletzung und eine zu lernende Lektion unterjubelst.

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Talking Story

Wolfgang Borchert: Die Küchenuhr [Analyse]

[Massive Spoiler voraus]

Wolfgang Borcherts Kurzgeschichten gehören zu dem Besten, das die deutsche Nachkriegsliteratur hervorgebracht hat. Daher ist von ihnen viel für das eigene Schreiben zu lernen. Im ersten Teil meiner Serie widme ich mich daher einer seiner bekanntesten Erzählungen Die Küchenuhr und versuche mich an einer Analyse. Dem geneigten Leser sei vorab die eigenständige Lektüre des Textes ans Herz gelegt.

1. Der Protagonist

Borcherts Protagonist in Die Küchenuhr ist der mit dem alten Gesicht, dessen Gang allein verrät, dass er erst zwanzig ist. Diese Diskrepanz lässt ihn auffallen, schon von Weitem. Doch welche Diskrepanz ist das eigentlich: Die zwischen seinem Gesicht, als Körperteil, und seinem Gang? Oder zwischen seinem Selbst, etwas Innerem also, und seinem Äußerem?

Die Antwort fällt leichter, wenn man sich dem zweiten Protagonisten zuwendet – der namensgebenden Küchenuhr. Der Protagonist trägt sie mit sich und zeigt sie stolz herum. Obwohl sie nix besonderes ist und auch überhaupt nicht mehr funktioniert:

Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie nicht mehr geht.

Wolfgang Borchert, Die Küchenuhr

Der zitierte Satz ist eine frühe Parallelisierung zwischen Protagonist und Küchenuhr. Auch der Protagonist selbst ist innerlich kaputt, geht nicht mehr, sieht aber sonst noch aus wie immer. Von seinem Gesicht abgesehen, das so alt aussieht, weil sich in ihm das Innere zeigt. Diese Parallelisierung wird später noch wichtig sein.

2. Die Bomben

Die Küchenuhr ist um halb drei stehengeblieben. Wegen der Bomben, sagt einer der Zuhörer, die dann wohl um halb drei fielen. Wenn sie explodieren, zerstört der Druck das Uhrwerk. Doch der Protagonist weiß es besser:

Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von Bomben reden.

Wolfgang Borchert, Die Küchenuhr

Natürlich hat alles mit den Bomben zu tun. Der Verlust des Protagonisten, die versammelte Meute auf der Bank, das Elend, die stehengebliebene Uhr. Ohne die Bomben wäre all das nicht passiert. Aber der Protagonist will nichts davon wissen, hat den Krieg selbst schon verdrängt. Für ihn scheint es Schicksal gewesen zu sein oder ein „Witz“, dass die Uhr „ausgerechnet“ um halb drei stehenblieb. Wir wissen es besser: Als er mit seiner Mutter in der Küche saß, wie jede Nacht um halb drei, müssen die Bomben gefallen sein.

3. Die Personifizierung der Küchenuhr

Doch als die Küchenuhr stehen- und übrig blieb, blieb auch der Protagonist stehen und übrig. Nun ist er nicht länger in der Lage, das Gesamtbild des Krieges zu sehen oder sich dem traumatischen Erlebnis zuzuwenden. Er lächelt beim Erzählen, negiert die Rolle der Bomben. Die bereits angesprochene Parallelisierung zwischen Küchenuhr und Protagonist geht daher weit über ein kaputtes Innenleben hinaus.

Die Parallelisierung unterstreicht Borchert auch sprachlich. Die Küchenuhr hat ein „Gesicht“, ist „innerlich kaputt“. Mit dieser Personifizierung erlaubt Borchert dem Leser einerseits einen Rückbezug, wirft die Frage auf, warum die Küchenuhr personifiziert ist. Andererseits betont er die Merkwürdigkeit der Beziehung zwischen Protagonist und Küchenuhr, die offenbar nicht bloß ein Erinnerungsstück ist.

Sofern sich der Protagonist in der Küchenuhr selbst wahrnimmt, muss er sie hüten wie einen Schatz und sich einreden, dass sie ja noch aussehe wie immer. Und dass es eine Bedeutung hat, dass sie ausgerechnet um halb drei stehenblieb, dass also auch mit ihm noch etwas anzufangen, sein Leben nicht sinnlos geworden ist.

4. Das Paradies

Und natürlich ist die Küchenuhr auch ganz profan ein Erinnerungsstück. Ein Portal in eine heile Vergangenheit. Diese Vergangenheit, ebenfalls ganz profan, bestehend aus einer fürsorglichen Mutter und einem Job im Schichtdienst (er kam immer um halb drei nach Hause), ist ihm jetzt das Paradies geworden. Das unterstreicht die Traumatisierung des Protagonisten und erhöht zugleich den Wert der Küchenuhr. Mit ihr und seiner Sicht auf sie kann er sich noch eine Weile an das Leben klammern, das für immer dahin ist und muss der Sinnlosigkeit seines Verlustes nicht ins Auge sehen.

Seine Gesprächspartner sind offenbar schon einen Schritt weiter: Was das Paradies sein soll, können sie nicht recht fassen. Einer von ihnen denkt „immerzu an das Wort Paradies“. Seine Bedeutung ist ihm schon abhandengekommen.

5. Takeaways

  • Sieh tiefer in deine und fremde Geschichten. Sie sind und sollten komplexer sein, als es auf den ersten Blick scheint.
  • Halte nach Parallelen Ausschau: Zwischen dem Protagonist und seinem Ziel, dem Antagonist, dem Mittel, dem Mittel und dem Ziel, der Verletzung deines Protagonisten und dem Antagonisten.
  • Nutze die Möglichkeiten der Sprache, um gewissen Elemente deiner Geschichte zu betonen und hervorzuheben.

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Ein sehr guter Text Prosa

Der Inciting Incident

Star Wars erzählt die Geschichte von Luke Skywalker, der ein Jedi-Ritter werden will und sich der Rebellion anschließt, um das böse Imperium zu bekämpfen. Nicht wahr? Ja, aber ganz so einfach ist es nicht. Luke müssen erst einige Dinge widerfahren, bevor sich diese Geschichte entspinnt. Dazu gehört vor allem das auslösende Ereignis seiner Story, der sogenannte Inciting Incident (auch auslösendes Moment genannt).

1. Definition des Inciting Incident

Der Inciting Incident setzt die Geschichte in Gang. Um dies richtig zu verstehen, muss die Geschichte vom Medium unterschieden werden. Ein Buch beginnt auf Seite 1, ein Film mit dem ersten Bild, ein Drehbuch mit der ersten Zeile. Aber die Geschichte, die all diese Medien erzählen, beginnt streng genommen erst ein wenig später. Nämlich mit dem Inciting Incident. Bis dahin ist alles nur Vorgeplänkel, also Exposition. Der Protagonist wird vorgestellt, sein Umfeld, die Gegebenheiten seiner Welt und Zeit, womöglich auch schon der Antagonist. Aber all diese Dinge bilden noch keine Geschichte.

2. Unterschied zur Exposition

Denn dafür fehlen Ziele, Hindernisse, ein Konflikt. Dass Frodo im Auenland lebt und Bilbo seinen Geburtstag feiert, ist eine schöne Sache. Sogar Gandalf ist gekommen. Wir haben auch erfahren, dass der dunkle Herrscher Sauron zu Kräften kommt. Doch noch gibt es nichts zu tun. Nur vage Bedrohungen, einige Fragen, Schauwerte, Witz und etwas Grusel. Dann vermacht Bilbo Frodo seinen Zauberring. Und während Gandalf sich auf Recherche begibt, überqueren Nazguls die Grenze des Auenlands. Das ist der Inciting Incident: Frodo wird zum Ringträger.

3. Inciting Incident und der Protagonist

Wenn ein Ereignis in deiner Geschichte hingegen nichts mit dem Protagonisten zu tun hat, ist es auch nicht der Inciting Incident. Denn das auslösende Moment setzt genau diese eine Geschichte in Gang – keine andere. Und hat daher deinen Helden zum Ziel. Wenn Bilbo also den Ring auf seinen Finger steckt und verschwindet, verrät das etwas über die Macht des Ringes und legt Gandalfs Stirn in Falten. Aber es es nicht der Inciting Incident. Es ist auch nicht Frodos Wiedersehen mit Gandalf, denn zu diesem Zeitpunkt könnten die beiden noch ein aufregendes Angelabenteuer erleben, wenn am nächsten Tag die Einladung zum alle 100 Jahre stattfindenden Großen Angelturnier eintrifft (auch ein Inciting Incident).

Darüber hinaus muss dein Protagonist auf den Inciting Incident reagieren. Frodo lehnt zunächst ab, will den Ring Gandalf überlassen. Doch selbst für Gandalf wäre die Versuchung zu groß. Im Auenland kann der Ring allerdings nicht bleiben, der Feind ist auf dem Weg. Und so kommt es zur endgültigen Reaktion des Protagonisten auf den Inciting Incident: Frodo akzeptiert sein Schicksal. Es gibt sogar ein einzelnes Bild, das diese Reaktion repräsentiert. Frodos Faust umschließt den Ring.

Hier zeigt sich die Sogwirkung des Inciting Incident auf deinen Protagonisten: Er will jetzt X erreichen. Macht sich die Aufgabe zu eigen.

4. Auslösendes Ereignis und der Rest der Story

Der Inciting Incident durchbricht dabei eine Harmonie und verlangt dem Protagonisten alles ab, um diese (wenngleich eine veränderte) Harmonie wiederherzustellen. Natürlich ist Harmonie, vor allem die herrschende, nicht als Lilalauneland zu verstehen. Gut, bei Frodo schon. Es ist Herr der Ringe, also gibt es das absolut Gute und das absolut Böse. Ansonsten aber nicht.

Was ist mit Luke Skywalker? Er lebt ein karges, bedeutungsloses Leben in der Wüste und träumt von großen Abenteuern, die er nie erleben wird. Aber er kommt zurecht. Auftritt R2-D2, samt Videobotschaft. Plötzlich ist der junge Farmer mit dem großen Krieg in der Galaxis verknüpft. Und jemand braucht seine Hilfe. Er kann nicht zurück zu seinem Farmleben, nicht ohne seine Träume zu verraten. Diese Harmonie ist dahin.

Mit dem Inciting Incident betreteten zwei weitere Storybestandteile die Bühne. Zum einen wird die Hauptfrage der Handlung aufgeworfen: Wird Luke Leia retten (und ein großer Jedi wie sein Vater vor ihm werden) können? Wird Frodo den Ring vor dem Feind beschützen können? Überleben die Teenies den Horrorstreifen? Diese Frage kann im weiteren Verlauf natürlich noch verfeinert werden. Frodo weiß noch nicht, dass er den Ring im Feuer des Schicksalsberg zerstören muss (das wäre auch ein bisschen viel verlangt für den Anfang).

Zum anderen wird eine obligatorische Szene¹ vorweggenommen. Frodo wird den Ring in ein sicheres Versteck bringen müssen (und da es keines gibt, zerstören). Luke wird gegen Vader kämpfen, der, wie wir schon bald erfahren, seinen Vater getötet hat (und den wir in der Exposition schon kennenlernten).

Der perfekte Zeitpunkt für das auslösende Ereignis ergibt sich aus dem bisher Gesagten. Nur in Ausnahmefällen beginnt eine Geschichte mit dem auslösenden Moment. Denn das kostet die Exposition. Fast nie dauert es bis zur Hälfte der Story, ehe er eintritt. Denn das garantiert Langeweile. Irgendwo im ersten Viertel der Geschichte ist er bestens untergebracht.

In der folgenden Grafik findest du einige weitere Beispiele:

Inciting Incidents Beispiele

5. Dein eigener Inciting Incident

All das mag auf den ersten Blick verwirrend sein. Du wolltest doch einfach deine Geschichte beginnen und jetzt musst du dich mit Fremdwörtern herumschlagen und sollst irgendwelche Regeln befolgen. Doch tatsächlich ist der Inciting Incident eines der wichtigsten dramatischen Elemente überhaupt. Mach den Selbstest! Erzähle deiner Schwester, deinem Freund, die aufregendste Geschichte, die du selbst erlebt hast (möglichst knapp). Du wirst unter anderem von einem auslösenden Ereignis erzählen, das garantierte ich dir. Oder deine Schwester wird dich anschauen und fragen: Ja, aber wieso?

Deshalb kommt auch in jeder guten Log Line ein Inciting Incident vor. Selbst wissenschaftliche Texte haben streng genommen ein auslösendes Ereignis, nämlich ein Problem, dass eine darauf aufbauende Fragestellung motiviert.

Also brich alle Regeln, die du kennst. Aber vergiss nicht den Inciting Incident.

[1] Robert McKee (1997). Story – Substance, Structure, Style and the Principles of Screenwriting.

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Ein sehr guter Text Kurzgeschichten 101

Hast du eine Log Line?

Worum geht es in deiner Kurzgeschichte, fragt ein Freund. Um einen Jungen, der…, antwortest du. Brichst ab. Stotterst.

Fühlst du dich ertappt?

Jede Geschichte, sei es ein Roman, ein Film oder eine Kurzgeschichte, lässt sich in einer sogenannten Log Line zusammenfassen – sofern es eine Geschichte ist, die funktioniert. Oftmals schreiben wir jedoch Texte, die sich nicht derart klar auf den Punkt bringen lassen, schreiben und schreiben und enden: im Nichts.

Versteh mich nicht falsch: Auch als sogenannter Pantser kannst du mit dem Schreiben dein Glück finden. Du musst also nicht, wie die sogenannten Plotter, schon vor dem ersten Satz den genauen Aufbau deiner Geschichte im Kopf haben. Einfach loszulegen und sich selbst von den Irrungen und Wirrungen deiner Geschichte überraschen zu lassen, ist durchaus ein probates Mittel. Allerdings: Am Ende, wenn der letzte Satz getippt ist, solltest du dennoch in der Lage sein, eine Log Line zu formulieren.

1. Eine Log Line ist ein Verkaufsargument

Doch wozu das Ganze? Zunächst einmal, wie du in dem peinlichen Gespräch mit deinem Freund vielleicht gemerkt hast, kannst du ohne Log Line deine Story nicht verkaufen. Versuchen wir es:

„Ich habe eine Geschichte anzubieten.“

„Schön, worum geht es?“

„Sie umfasst 12.000 Wörter und ein unerzogener Junge kommt darin vor.“

„Okay, aber wovon handelt sie?“

„Von einem Jungen, der nicht artig ist.“

„Wieso nicht?“

„Weil er aus Holz ist.“

„Wie bitte?“

Du siehst: Selbst ein Meisterwerk wie Pinocchio lässt sich nicht verkaufen, wenn man nicht in der Lage ist, die Handlung in einer Log Line zusammenzufassen. Doch eine Log Line ist nicht nur wichtig, um deine Kurzgeschichte an den Mann oder die Frau zu bringen.

2. Ohne Log Line keine Struktur

Fehlt eine solche oder fällt es dir sehr schwer, sie zu formulieren, könnte dein Text schlicht noch nicht ausgereift sein. Vielleicht fehlt es an einem zentralen Konflikt, womöglich gibt es kein auslösendes Ereignis (Inciting Incident), das deine Geschichte in Gang setzt, oder der Held hat kein klares Ziel. Erläutern möchte ich dir all das am Beispiel von Kurzgeschichten.

Natürlich sind Kurzgeschichten eine besondere Art des Storytellings. Sie fangen einfach irgendwo an, enden unvermittelt (zumindest lernen wir das im Deutschunterricht). Handeln oft von nicht viel. Doch betrachtet man einmal die großen, klassischen Kurzgeschichten, wird schnell klar, dass sie sich alle auf eine großartige Log Line zusammenschrumpfen lassen. Und das ist ihre dritte Funktion: Wenn deine Log Line langweilig klingt, ist es vielleicht auch deine Geschichte.

3. Der Langweile auf der Spur

Ein paar Beispiele:

Die Verwandlung von Franz Kafka: Ein junger Mann, der allein für das Auskommen seiner Familie verantwortlich ist, wacht eines Morgens zum Insekt verwandelt auf und droht, zu spät zur Arbeit zu kommen.

Wanderer, kommst du nach Spa von Heinrich Böll: Ein junger Soldat kehrt zur Versorgung seiner schweren Verletzungen an einen Ort zurück, der ihm seltsam bekannt vorkommt – doch sicher ist er sich nicht.

Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm: Als ein armer Holzhacker seine beiden hungrigen Kinder im Wald aussetzt, verirren sich diese, ehe sie auf ein Lebkuchenhaus stoßen, in dem eine böse Hexe wohnt.

Diese Beispiele weisen jedes für sich einige Besonderheiten auf, die genauer betrachtet werden sollten.

Das Märchen Hänsel und Gretel ist schon seiner Log Line nach eine sehr klassische Erzählform. X passiert (ausgesetzte Kinder), Z wäre die Rettung (Lebkuchenhaus), aber Y kommt dazwischen (böse Hexe). Natürlich folgt darauf noch ein V, nämlich das Happy End, das in der Log Line jedoch nicht erwähnt werden darf – wir wollen die Geschichte schließlich verkaufen.

Etwas weniger traditionell mutet die Log Line von Wanderer, kommst du nach Spa an. Hier fehlen das Z und das Y auf den ersten Blick, nachdem der Soldat eingeliefert wird (X). Nun, vielleicht gibt es keine Rettung, aber doch ein Ziel (Z): Der Soldat will sich vergewissern, wo er ist. In die Quere kommt ihm dabei der fehlende Beweis (Y) und natürlich sein Zustand als Verwundeter. Auch in dieser Geschichte gibt es ein V, das allerdings kein Happy End darstellt, nur eine Lösung des Problems.

Die Log Line zu Die Verwandlung folgt wieder eindeutiger dem bekannten Schema. Ein junger Mann ist plötzlich ein Ungeziefer (X), muss aber den Lebensunterhalt seiner Familie verdienen (Z), wovon ihn sein Zustand und die Reaktion seines Umfelds jedoch abhalten (Y). Das Besondere an dieser Log Line: In ihr drückt sich bereits eine gewisse Absurdität oder Ironie aus. Ein Mann erwacht als Insekt und sein größtes Problem ist, wie er es so zur Arbeit schaffen soll.

4. Eine Log Line allein macht keinen Klassiker

Bölls und Kafkas Log Line zeigen noch etwas anderes. Die herausstechende Qualität eine Erzählung muss nicht in ihr enthalten sein. Bei Kafka ist sie durch die Absurdität zwar angedeutet, aber natürlich ist es das Aufeinanderprallen von Gregor Samsa und seiner Umgebung, die Beschreibung seitens Kafka und dessen Stil, die diese Geschichte in den Rang von Weltliteratur erheben. Noch deutlicher Böll: Die Story selbst gereicht nicht zum Ruhm.

Allerdings sind doch beide Log Lines funktional und wecken Lust auf die Geschichte. Etwas wird erzählt werden. Es geht nicht um einen unartigen Jungen. Der aus Holz ist. Sondern darum: Eine unartige Holzpuppe erwacht zum Leben (X), doch um ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut zu werden (Z), muss sie lernen, sich zu benehmen (Y).

5. Bestandteile einer Log Line

Einige der wichtigsten Bestandteile einer Log Line für deine Geschichte sind bereits deutlich geworden. Betrachten wir sie im Detail.

(P): Der Protagonist – Wer erlebt die Geschichte?

Der Protagonist setzt sich in einer Log Line aus einem Substantiv und dem wichtigsten Adjektiv zusammen, das du in deiner Geschichte für ihn ausmachen kannst, meist ein erster Hinweis auf die zentrale Schwäche des Protagonisten. Bei Breaking Bad also: Ein hochintelligenter, aber unterbezahlter Chemielehrer. Bei Batman: Ein verwaister Milliardär. Bei American Beauty: Ein depressiver, in einer Midlife Crisis steckender Loser.

(X): Das auslösende Ereignis (Inciting Incident) – Was setzt die Geschichte in Gang?

Es gibt immer einen Grund, weshalb die Dinge geschehen. Gestern saß ich gemütlich auf dem Sofa, als es plötzlich klingelte. Es waren zwei Pfadfinder, ob ich ihnen kurz helfen könne. Ich folgte ihnen die Straße runter, dort war die Kette von ihrem Fahrrad abgesprungen. Ich half, und war ein Held.

Dasselbe gilt für unsere Geschichten. Bei Breaking Bad: Die Krebsdiagnose. Bei Batman: Gotham braucht einen Retter. Bei American Beauty: Auf einer Schulaufführung verliebt sich Kevin Spaceys Figur in die Schulfreundin seiner Tochter.

(Z): Das Ziel – Was löst alle Probleme?

Jede Geschichte hat ein Ziel. Die Pfadfinder brauchten einen Erwachsenen, um das Fahrrad wieder ans Laufen zu kriegen. Erzählt die Angelegenheit aus ihrer Perspektive, erhält man vielleicht sogar eine spannende Geschichte: Nachdem Schmidt, Müller und Frau Mustermann nicht zuhause waren, sahen sie sich gezwungen, bei Bauer zu klingeln, dem Kerl also, den sie mit ihren Klingelstreichen schon an so manchem Sonntag zur Weißglut getrieben hatten.

Jedenfalls musst du in der Log Line beschreiben, was dein Protagonist will oder braucht. Ziel und auslösendes Ereignis sind dabei meist eng miteinander verknüpft. Was will Frodo? Vermutlich im Auenland ein beschauliches Leben führen, aber dann kommt Gandalf vorbei und zack! Ist er Ringträger (auslösendes Ereignis). Und will zum Schicksalsberg.

Bei Breaking Bad heißt das: Walter will seiner Familie einen Haufen Geld hinterlassen (oder?). Bei Batman: Bruce Wayne will dem Verbrechen das Handwerk legen. Bei American Beauty: Kevin Spaceys Figur will endlich wieder leben – und so für seine neue Liebe attraktiv werden.

(M): Das Mittel – Wie will der Protagonist sein Ziel erreichen?

Wie dir vielleicht aufgefallen ist, fehlt diesen Zielen noch eine Spezifizierung: das angewandte Mittel (M) zum Erreichen dieses Ziels. Walter White wird mit einem seiner ehemaligen Schüler Crystal Meth verkaufen. Batman schnappt sich eine Fledermausmaske und lässt sich mit seinen Milliarden ein verdammtes Batmobil bauen. Und Kevin Spaceys Figur? Sie eskaliert und scheißt fortan auf das Gelaber den anderen. Das Mittel wird nicht immer in einer Log Line zu finden sein. Aber es ist der Ort, an dem man als Autor der eigenen Kreativität freien Lauf lässt. Und wo für den Leser die Musik spielt:

Als ein unterbezahlter Chemielehrer die Diagnose erhält, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein, beginnt er, Sonderschichten bei der örtlichen Waschenanlage einzulegen, um für das Auskommen seiner Familie nach seinem Tod zu sorgen.

Gähn.

(Y): Das Hindernis (evtl.: der Antagonist) – Was steht dem Erreichen des Ziels im Weg?

Ohne Hindernis keine Story. Manchmal ist das auslösende Ereignis zugleich das Hindernis. Gregor Samsa erwacht eines Morgens als Käfer und genau das ist sein Problem. Manchmal ist es das Umfeld. Kevin Spacey sieht sich von Menschen umgeben, die ihm seine neue Lebensfreude nicht gönnen können (Ehefrau, Tochter, Spießbürgertum). Batman, nun ja, der hat richtige Gegner (Joker, Riddler, Bane). Bei Walter White wiederum steckt das Hindernis im gewählten Mittel: Drogen verkaufen ist illegal.

In deiner Log Line muss das Hindernis also auftauchen. Denn andernfalls gibt es keinen Konflikt, keine Aufgabe für den Helden.

Versuchen wir nun, Log Lines für unsere Beispiele zu formulieren, die all die hier angeführten Elemente enthalten. Natürlich wird nicht jede Geschichte jedes Element enthalten – Regeln fürs Schreiben sind immer auch dafür da, um gebrochen zu werden. Erst recht im Rahmen einer Kurzgeschichte, die in vielerlei Hinsicht ein grenzüberschreitendes Genre darstellt. Dennoch sollte der Verzicht auf die Anwendung der Regeln, wenigstens im Nachhinein, bewusst erfolgen – weshalb man sie kennen muss.

Breaking Bad: Als ein unterbezahlter Chemielehrer (P) die Diagnose erhält (X), unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein, beginnt er, Drogen herzustellen und zu verkaufen (M & Y), um für das Auskommen seiner Familie nach seinem Tod zu sorgen (Z).

Batman: Als die Heimatstadt eines verwaisten Milliardärs (P) zunehmend in Gewalt und Kriminalität versinkt (X), setzt er sein Vermögen ein, um als maskierter Rächer mit Spezialausrüstung (M) dem schlimmsten Ganoven Joker (Y) das Handwerk zu legen (Z).

American Beauty: Als sich ein in einer Midlife Crisis steckender, unglücklich verheirateter Loser (P) bei einer Schulaufführung in die Freundin seiner Tochter verliebt (X), beschließt er, sein Leben radikal zu ändern (M) und aus der Spießbürgerhölle auszubrechen (Y), um so das Interesse seines neuen Schwarms zu wecken (Z).

In der folgenden Grafik findest du die nach diesem Prinzip erstellten Log Lines bekannter Filme. Kannst du sie alle erraten? Und wo fehlen einige der hier dargestellten Elemente und warum?

Log Line

6. Letzte Tipps

Zum Abschluss noch ein paar letzte Tipps. Wie bereits erwähnt, enthält die Log Line nicht das Ende deiner Geschichte- du willst etwas verkaufen, nicht analysieren, auch wenn die Log Line dabei hilft.

Außerdem solltest du auf eine aktive Sprache und starke Verben setzen. Dadurch wirken Ziele und Probleme deines Helden dramatischer, lebendiger.

Wenn es dir ferner gelingt, in deiner Log Line eine feine Spur von Ironie oder Absurdität unterzubringen, bist du etwas Großem auf der Spur. Wir haben dies bei Kafkas Die Verwandlung bereits gesehen, aber es gibt weitere Beispiele (Stirb langsam: Ein in einer Ehekrise steckender Cop muss an Weihnachten im Alleingang dutzende Geiseln retten, darunter seine Frau).

Versuche, eigene Log Lines dieser Art zu entwerfen. Halte dich an die Elemente und suche nach ironischen Verbindungen zwischen ihnen. Etwa so:

Als ein eigensinniger Naturforscher (P) eine revolutionäre Theorie über die Entstehung der Arten anhand der Auswahl der besten Gene vorlegt (X), wird er heftig von der Kirche attackiert (Y), da er dennoch beabsichtigt, seine Cousine zu heiraten (Z).

Das ist nur halb fiktiv. Darwin hat wirklich seine Cousine geheiratet. Aber du verstehst, was ich meine: Zwischen dem auslösenden Ereignis und dem Ziel besteht eine ironische Verknüpfung. Meist sorgt diese Verknüpfung dafür, den Helden zu schwächen oder sein Hindernis zu vergrößern. Eine großartige Sache für jede Story.

Und nun: viel Spaß! Du kannst ein Dutzend Log Lines formulieren, bevor du auch nur einen Satz schreibst. Und du kannst dich selbst damit pitchen: Würdest du eine Geschichte lesen wollen, die so beworben wird? Oder hast du sogar Lust, eine davon in eine Kurzgeschichte umzumünzen?

Wenn du Probleme hast, eine Log Line zu entwerfen, kannst du einen Schritt zurückgehen und mit der grundsätzlichen Idee für deine Kurzgeschichte beginnen, die weniger detailliert ausfällt und eher die Pointe der Geschichte in den Blick nimmt. Auch dazu habe ich einen ausführlichen Artikel verfasst. Grundsätzliche Tipps sowie eine praktische Übung für das Schreiben einer Kurzgeschichte findest du in diesem Artikel: Eine Kurzgeschichte schreiben.

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Ein sehr guter Text Kurzgeschichten 101

Kurzgeschichte 101: Ideenfindung

Jede gute Kurzgeschichte basiert auf einer Idee. Diese Idee kann vielerlei Formen annehmen, so wie eine Kurzgeschichte von einer Emotion, einer Frage, einer vermeintlichen Antwort, einem Ort oder einer Figur handeln kann – und von vielem mehr. Allerdings hilft das dem angehenden Autor nicht weiter. Wie kommt man auf eine solche Idee? Gibt es Strukturen, anhand derer sich das Wesen einer solchen Idee verstehen und in der Folge leichter reproduzieren lässt? In diesem Essay will ich dir einige dieser Strukturen aufzeigen.

1. Halte Ausschau nach enttäuschbaren Erwartungen

Anton Tschechow liefert mit seiner Kurzgeschichte Wanka ein glänzendes Beispiel für eine solche Struktur [Spoilerwarnung].

In dieser Kurzgeschichte schreibt der 9-jährige Waise Wanka heimlich einen Brief an seinen Großvater. Darin bittet er ihn, sich bei ihm aufzunehmen, da ihn sein Lehrmeister schlecht behandelt und er der Hölle, in der er lebt, entkommen möchte. Dann steckt er den Brief in den Umschlag und beschriftet ihn: „An Großväterchen“.

Dem Leser wird nach der Schilderung von Wankas Leiden und bei aufkommendem Mitgefühl plötzlich klar: der Brief wird den Großvater nie erreichen. Ein Schlag in die Magengrube. Vorhang. Tusch. Ende der Kurzgeschichte.

Um das Großartige an Tschechows Geschichte zu beschreiben, ist es nicht nötig, auf seine Sprache oder seine Figur einzugehen. Das könnte man freilich tun, aber bereits die Idee allein genügt. Die Umsetzung in einen Text mit Sprache und Figuren folgt erst an zweiter Stelle. Am Anfang (und am Ende) steht die Idee.

2. Struktur & Motiv = Idee

Dabei lohnt ein genauerer Blick. Losgelöst von jeglichem Inhalt, passiert Folgendes: Eine Erwartung wird aufgebaut, Hoffnung, Mitgefühl – ehe alles jäh vernichtet wird. Das klingt banal und geradezu unterkomplex. Das ist es auch. Humor funktioniert oft ähnlich: Erwartung aufbauen, Erwartung überraschend enttäuschen. Diese Struktur mit Leben zu füllen, das heißt mit Motiven und Zusammenhängen, ist das eigentliche Kunststück. Nur weil du verstanden hast, wie Humor funktioniert, fallen dir noch keine guten Witze ein. Auch bei Tschechow ist es nicht die, einmal erkannt, simple Struktur allein, sondern die Kombination aus Struktur und Motiv.

Das Motiv, das die Struktur mit Leben füllt, ist kindliches Leid, das in der Abwesenheit von erwachsener Fürsorge nicht beendet werden kann. Doch Halt: Das Kind schreibt einen Brief. Und erbittet sich darin genau diese Fürsorge. Hoffnung keimt auf. Dann wird deutlich, dass das Kind zwar für sein Alter schon verdammt viel (zu viel) über den Schmerz weiß, aber nichts über die Mechaniken des Briefeschreibens. Die Adressierung des Briefes folgt kindlicher Naivität. Hier hat sie sich erhalten. Der Leser lässt alle Hoffnung fahren.

3. Der Struktur in den Kaninchenbau folgen

Nun kann eine solche Idee im Vorfeld feststehen oder erst beim Schreiben selbst entstehen. Ohne eine solche Idee (die, ich werde nicht müde, es zu betonen, unendliche Formen und Strukturen annehmen kann) wird deine Kurzgeschichte aber oft ins Leere laufen. Kein Tusch. Kein Ende. Sei daher wie Alice: Fang nicht irgendwo an zu graben, sondern warte auf ein Kaninchen, dem du in seinen Bau folgen kannst. Dieses Kaninchen ist die Struktur. Die Abenteuer, das Schrumpfen, Wachsen, die Grinsekatze – das sind die Motive.

Wenn du nach einer Idee für deine Kurzgeschichte suchst, versuche also, dich zunächst auf eine Struktur festzulegen (X aufbauen, damit Z machen; X zerstören, dabei Z aufbauen usw.) und diese dann mit passenden Motiven zu füllen. Etwa folgendermaßen:

Struktur: Unter großer Anstrengung versucht der Protagonist, X zu erreichen, indem er es erreicht, passiert jedoch Z und stürzt ihn ins Verderben.

Motiv: Man kann sein Leben für eine Aufgabe opfern, aber man kann nie gewiss sein, dabei das Richtige zu tun.

Idee: Hans baut jahrelang unter größter Mühe eine Brücke über den Fluss, nur um dann festzustellen, dass er den Schwarzen Reitern damit den Zugang zu seinem Dorf ermöglicht hat.

4. Artverwandt: Plot Points

Hilfreich dabei kann der erste Plot Point deiner Geschichte sein. Tschechows Kurzgeschichte ist so kompakt geschrieben und auf diese eine Wechselwirkung ausgelegt, dass sich ihn ihr kein rechter Plot Point ausmachen lässt. Nehmen wir daher Das Urteil von Franz Kafka.

Darin überlegt ein Mann lange, ob er seinem Freund in Sankt Petersburg von seiner Verlobung berichten soll. Als er sich schließlich dazu entschließt, berichtet er seinem Vater davon. Doch dieser stellt in Zweifel, ob es den Freund überhaupt gibt – der erste Plot Point. Auch hier zeigt sich also eine Entwicklung, die kurz darauf in ihr Gegenteil verkehrt wird. Die Geschichte nimmt so erst richtig Fahrt auf, wird verworrener, düster, bevor ein weiterer Plot Point das Ende einleitet.

Auf der Suche nach einer Idee solltest du dich jedoch zunächst nicht mit Plot Points befassen. Das gehört zur Umsetzung der Idee. Plot Points in Filmen oder Geschichten zu identifizieren, kann allerdings hilfreich sein, um das Wechselspiel zwischen Erwartung und Enttäuschung zu verinnerlichen.

Auf einer übergeordneten Ebene kann auch Das Urteil auf die Struktur X passiert, dann jedoch Z heruntergebrochen werden: Alles scheint in Ordnung, der Vater gibt den Staffelstab allmählich weiter und der Sohn leitet die Geschäfte mit zunehmender Dominanz – dann aber kommt alles ganz anders, der Vater deckt geheime Machenschaften des Sohnes auf und verurteilt ihn zum Tode.

5. Eine ausbuchstabierte Idee: Die Log Line

Die Log Line fasst die Handlung deiner Geschichte, abgesehen vom Ende, in einem prägnanten Satz zusammen. Sich eine solche zu überlegen, ist sehr hilfreich für jede Art von Geschichte, aber auch für Kurzgeschichten im Speziellen. Deshalb habe ich der Log Line einen eigenen, umfangreichen Artikel gewidmet. An dieser Stelle sei daher nur gesagt, dass die Idee zu einer Kurzgeschichte nicht alle Elemente einer Logline enthält, während die Log Line, bis auf das Ende, alle Elemente der Idee umfasst. Ein Beispiel: Max Frischs Der andorranische Jude.

Struktur: Der Protagonist sieht sich aufgrund seiner Eigenschaft Z der Behandlung X ausgesetzt, bis schließlich herauskommt, dass er Z gar nicht besaß.

Motiv: Nationalitäten, Vorurteile, Rassismus, Antisemitismus und die Blindheit, die sie in einem hervorrufen.

Idee: Ein Jude wird von seiner Gemeinschaft ausgegrenzt und missachtet, eben weil er Jude ist, bis er schließlich von einem Teil dieser Gemeinschaft getötet wird. Später erfährt man, dass er ein Findelkind gewesen ist, und somit Einheimischer wie alle anderen.

Die Log Line hingegen enthält noch weitere Elemente.

Log Line: Als ein Jude in Andorra aufgrund seiner Herkunft von der dortigen Gemeinschaft missachtet wird, beginnt er, an sich zu zweifeln und zunehmend die ihm zugeschriebenen Eigenschaften zu übernehmen, obwohl er doch eigentlich nur dazugehören will – was die Abneigung gegen ihn nur weiter verschärft.

Die Log Line ist also deutlich handlungsbezogener: Der Protagonist und seine Schwächen werden betont, sein Ziel, das dafür angewandte Mittel und das auftauchende Hindernis. So etwas denkt man sich nicht aus, bevor man eine Ahnung hat, welche Struktur, welches Motiv und damit welche Idee man seiner Kurzgeschichte überhaupt zugrundelegt. Im Nachhinein ist die Log Line jedoch ein hervorragendes Werkzeug, um die Stimmigkeit und Geschlossenheit der eigenen Geschichte zu überprüfen: Fällt es dir leicht, eine Log Line zu formulieren?

6. Ist das nicht alles zu technisch?

Stimmt schon: Wenn wir an Literatur und an den Kuss der Muse denken, haben wir nicht irgendwelche abstrakten, inhaltsleeren Strukurdimensionen im Kopf.

Aber du hast diesen Artikel angeklickt, weil es dir schwerfällt, Ideen zu entwickeln. Das bedeutet übersetzt: Du hast deren Zusammensetzung noch nicht verinnerlicht. Es ist wie beim Fußball. Natürlich wollen wir gerne den neuesten Trick von Ronaldo nachahmen und unseren Gegenspieler spektakulär aussteigen lassen. Und wenn wir das tun, können wir auch nicht mehr über die einzelnen Schritte nachdenken, dann geht es ruckzuck, instinktiv. Aber um den Trick zu lernen, müssen wir uns anschauen, wann wir mit welchem Teil des Fußes wo den Ball berühren müssen.

Genau dabei hilft dir dieser Artikel. In der folgenden Grafik sind noch ein paar Beispiele aufgeführt, wie sich aus Struktur und Motiv eine Idee ergibt:

Kurzgeschichte Idee

Solltest du noch anderweitig Schwierigkeiten mit dem Verfassen einer Kurzgeschichte haben, hilft dir mein Artikel über grundsätzliche Tipps samt praktischer Übung weiter: Eine Kurzgeschichte schreiben.

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Ein sehr guter Text Kurzgeschichten 101

Kurzgeschichte 101: Aufbau und Plot Point

Eine Kurzgeschichte ist verdichtetes Erzählen: die Dinge passieren schnell, sie beginnen unvermittelt und laufen auf eine einzige Sache hin, ein Gefühl, eine Pointe. Das stellt dich als Autor vor diverse Herausforderungen. Wie in der Kürze der Zeit prägnante Figuren einführen? Wie eine Handlung vorantreiben? Wie den Leser in die Welt der Geschichte eintauchen lassen? Was ist zu vermeiden?

Kondensierte Exposition

Doch die grundlegende Voraussetzung für das Gelingen einer jeden Kurzgeschichte ist ihr Aufbau. Anfang, Mittelteil und Schluss stellen besondere Anforderungen, anders als bei einem großen Roman. In diesem Artikel geht es um die gelungene Exposition und den richtigen Einsatz des ersten Plot Points, ohne die eine Kurzgeschichte nicht funktioniert (was gelogen ist, denn es gibt viele exzellente „Kurzgeschichten“, also Texte ohne echte Handlung). Als Beispielwerk wird Roald Dahls Lamb to the Slaughter (Lammkeule in der deutschen Übersetzung) herangezogen.

Lamb to the Slaughter ist ein glänzendes Beispiel für eine rasante, eindringliche Exposition, auf die ein erschütternder erster Plot Point folgt. Plot Points sind die Punkte in einer Geschichte, an denen sich die Handlung unerwartet dreht, nachdem der sogenannte Inciting Incident sie zuvor in Gang gesetzt hat. Roald Dahl liefert hierzu ein Beispiel par excellence. Den Anfang macht eine grandiose Charaktereinführung:

Hin und wieder blinzelte sie zur Uhr hinüber, aber ohne jede Sorge, sondern bloß um sich an dem Gedanken zu erfreuen, dass jede verstreichende Minute sie näher an den Punkt brachte, an dem er nach Hause kommen würde.

Roald Dahl, Lamb to the Slaugther (eigene Übersetzung)

Dahl etabliert in dieser Exposition mit wenigen Pinselstrichen das Bild einer idyllischen Ehe und einer fürsorglichen Gattin, die im Übrigen im 6. Monat schwanger ist, ihrem Mann bei dessen Ankunft verständnisvoll einen Drink reicht und wartet, bis er nach seinem langen und harten Arbeitstag zum Reden bereit ist. Wie das Zitat verdeutlicht, hilft ihm eine beeindruckende Präzision in der Beschreibung des vermeintlich Alltäglichen dabei, dies innerhalb weniger Zeilen zu bewerkstelligen. Dann passiert das beim Lesen der Kurzgeschichte wunderbar Irritierende: Ihr Mann muss ihr etwas sagen (Inciting Incident). Eingeleitet wird diese Irritation durch einen Bruch mit der Routine:

Und während er sprach, tat er etwas Ungewöhnliches. Er hob sein Glas und leerte es in einem Schluck, obwohl noch die Hälfte, mindestens die Hälfte davon übrig war.

Roald Dahl, Lamb to the Slaugther (eigene Übersetzung)

Der Leser weiß nun, dass sich etwas anbahnt, ein Unheil, und die Geschichte beginnt ihn zu interessieren, wo ihn zuvor nur die aufopferungsvolle Hausfrau interessierte (was aber ebenfalls ein Kunststück Dahls darstellt). Darauf folgt der erste Plot Point (sein Inhalt sei hier verschwiegen, lies die Geschichte!), den ich deshalb auch Gaspedal nenne – an diesem Punkt beschleunigt die Kurzgeschichte und gewinnt an Fahrt.

Genauer betrachtet, etabliert Dahl mit seiner Exposition neben der Figur der Ehefrau und des Ehemanns und ihres Verhältnisses zueinander zunächst ein bestimmtes Bild, um genau dieses Bild dann im nächsten Moment in Zweifel zu ziehen und zu bedrohen. Dadurch entsteht Dramatik.

Gas geben

Ein simples Beispiel für diese Vorgehensweise wäre folgender Beginn einer Kurzgeschichte:

Schon hunderte Male hatte ich das Seil an den Felsvorsprung geknotet, hunderte Male hatte ich es danach und vor dem Abseilen geprüft, kannte den Stein und das Seil inzwischen wie Bruder und Schwester und war doch nie eine Spur nachlässig geworden, hatte nie Routine mit Überheblichkeit verwechselt. Und so folgte ich auch diesmal dem Protokoll.

Auf halbem Weg ins Tal, irgendwo zwischen Meter 120 und 150, vernahm ich einen seltsamen Schatten oben am Felsvorsprung. Ich warf den Kopf in den Nacken, um den Stand der Sonne zu prüfen, glitt mit meinem Blick die Baumkronen entlang, um die Ursache dieses Schattens auszumachen, als sich dieser in Bewegung setzte.

(fiktives Beispiel)

Dieses sehr einfache Beispiel zeigt das Prinzip: Etablierung eines bestimmten Zustands, gefolgt von der Bedrohung dieses Zustands. In diesem Fall: ein routinierter Kletterer, der keine Fehler macht, gefolgt von einem Schatten (einer Person?) am anderen Ende des Seils. Hat er doch einen Fehler gemacht? Was wird nun passieren? Plötzlich ist die Geschichte in Bewegung gekommen – und der Leser ist eingestiegen. Der erste Plot Point lautet: Der Schatten bewegt sich.

Die große Kunst besteht nun darin, bereits die Exposition anregend zu gestalten und tatsächlich interessante Figuren zu zeigen, bevor es überhaupt zum ersten Plot Point kommt. Grundsätzlich aber gilt der einfache Grundsatz: Als Autor einer handlungsgetriebenen Kurzgeschichte ziehst du an einem Seil, und dann, kurz darauf, ziehst du es in die entgegengesetzte Richtung. Ein Meister dieser Vorgehensweise war Anton Tschechow, dessen Geschichte Wanka ich in einem Essay zur Ideenfindung für eine Kurzgeschichte analysiere.

Grundsätzliche Tipps und eine praktische Übung für das Verfassen von Kurzgeschichten findest du in diesem ausführlichen Artikel: Eine Kurzgeschichte schreiben.

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