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Ein sehr guter Text

Kurzgeschichte 101: Welche Charaktere sind erlaubt?

In einer Kurzgeschichte sind die Charaktere besonders relevant. Eine einfache Regel hilft dir, die richtigen Figuren auszuwählen.

Sam starrte auf die Fersen seines Kontrahenten. Dessen dämliche Rückennummer, die 7, flackerte im aufkommenden Seitenwind. Sams Nummer, die 113 oder die 131, sie wechselte jedes Mal, klebte noch immer fest an seinem Rücken. Vielleicht ist das ein Vorteil, dachte Sam. Vielleicht gleicht das die langen Haare aus, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte und die alles andere als windschnittig waren.

Am Streckenrand brutzelte Heiner Rostbratwürstchen über Holzkohle. Der Duft erinnerte Heiner an seine Kindheit auf dem Lande. Dem Rennen schenkte er keine Aufmerksamkeit. Für ihn ging es darum, die Würstchen gleichmäßig zu bräunen, ohne sie platzen zu lassen. Er war ein einfacher Kerl mit einfachen Würstchen.
Als sie um die Kurve bogen, begang Sam seinen ersten Fehler. Er blickte auf, gen Horizont, und sah den Heartbreak Hill in seiner ganzen furchteinflößenden Länge dahinter verschwinden. Die 7 beschleunigte. Jetzt muss ich mithalten, dachte Sam und in seinem Kopf hallte das Bild des nicht enden wollenden Hügels nach wie ein Alptraum am Morgen.

Der Abstand zwischen der 7 und Sam wuchs an. Sams Waden schmerzten. Noch immer starrte er gen Horizont als erwarte er die Ankunft der rettenden Marine. Dann löste sich die Rückennummer seines Kontrahenten, wirbelte auf und landete feucht und weich in seinem Gesicht. Sam riss sich den Fetzen von den Augen.
Heiner biss in eine Wurst, dass das Fett an seinen Mundwinkeln herausspritzte. Bald würde Fußball kommen, und er erhöhte die Lautstärke des Radios.
Sam aber heftete seinen Blick wieder an die Fersen seines Kontrahenten. Was kümmert es mich, dass er immer mit der 7 aufkreuzt, dachte er. Was kümmert mich meine 113 oder 311. Da kamen die Hacken näher und der Seitenwind legte sich hinter Sams Rücken.

(eigenes Beispiel)

In dieser beispielhaften Kurzgeschichte geht es um Sam, der ein Rennen gewinnen will, aber vom Status seines Kontrahenten zu beeindruckt ist. Erst als dessen einstellige Rückennummer abreißt, wird Sam klar, dass er selbst alles mitbringt, um zu gewinnen. Und dann ist da noch Heiner, der am Streckenrand Würstchen grillt und sich auf Fußball freut.

Die Kurzgeschichte hat also drei Charaktere: Sam, Nummer 7 und Heiner. Sam ist der Protagonist, Nummer 7 der Antagonist. Was aber ist Heiner? Heiner erlebt seine eigene Geschichte. Seine Würstchen haben nichts mit dem Rennen zu tun, er scheint nur zufällig seinen Grill am Streckenrand angeheizt zu haben. Das ist völlig in Ordnung, wenn du in deiner Geschichte zwei Geschichten erzählen willst. Aber in einer Kurzgeschichte ist dafür kein Platz. Jeder Charakter muss die eine Geschichte vorantreiben, die du erzählen willst. Tut er das nicht, ist er entbehrlich und sollte gelöscht werden.

Personen sind keine Figuren

Das gilt natürlich nicht für Figuren, die als Teil der Szenerie beschrieben werden:

Ich sprach mit niemanden, wenn ich Bus fuhr. Nicht mit der Oma, die vorne neben dem Busfahrer saß und ihre Handtasche auf ihrem Schoß trug. Nicht mit dem Araber, der auf sein Handy starrte. Nicht mit den Schulkindern. Aber ich beobachtete sie genau. Und dann, wenn ich den Moment erkannte, stach ich zu. „Bss. Bss“, triumphierte ich.

(eigenes Beispiel)

Hier treten gleich drei Personen auf, die die Handlung nicht vorantreiben, allerdings sind die Worte „Charakter“ oder „Figur“ für diese Personen auch übertrieben: Es sind Statisten, sie bilden den Kontext und die Welt, in der die Geschichte spielt.

Was aber bedeutet „Handlung vorantreiben?“ Es ist ganz einfach: Die Charaktere deiner Kurzgeschichte, die nicht Protagonist oder Antagonist sind, müssen den Fortschritt deines Protagonistens behindern oder befördern. Das ist alles.

Würde Heiner eines seiner Würstchen auf Sam werfen und ihn damit zur Besinnung bringen, könnte er Teil der Geschichte bleiben. Würde er die noch glühenden Kohlen achtlos auf die Strecke werfen und Sam deshalb buchstäblich über glühende Kohlen laufen müssen, um zu gewinnen – Heiner wäre gerettet. So aber bleibt ihm nur der Tod.

Die Anforderung an unsere Charaktere, den Protagonisten auf seinem Weg zum Ziel zu unterstützen oder zu behindern, engt die möglichen Arten von Nebenfiguren ein: Es gibt Mentoren (Obi-Wan Kenobi, Yoda), Helfershelfer des Antagonisten (Boba Fett), mentale Unterstützer (Galadriel im Traum, Obi-Wan als Machtwesen), Torwächter (Balrog, Watto), Geliebte (Arwen, Padme) u. v. m. Was es nicht gibt oder jedenfalls nicht geben sollte: Figuren, die einfach nur existieren. Schneide sie aus deinen Geschichten heraus.